Abfahrt auf den Clariden

Cusco – Secilla 627km

Unsere restlichen Tage in Cusco verbringen wir unter anderem mit dem Flicken des Zeltes. Die Reissverschlüsse sind endgültig durch und werden durch neue ersetzt. Zum Glück ist Willi (ein weiterer Radreisender aus Deutschland) immer noch im Hostel anwesend und begierig drauf uns zu helfen.

Er ist insgesamt seit rund 10 Jahren unterwegs und dementsprechend äusserst geschickt und erfahren in handwerklichen Dingen rund ums Veloreisen. Mit 24 Jahren ist er gestartet und hat schon Asien, Europa, Afrika und jetzt Amerika bereist. Während dieser Zeit hat er seine positive Einstellung und lebensfrohe Art überhaupt nicht verloren. Oder er hat sie erst unterwegs gewonnen? Wir wissen es nicht, lassen uns aber gerne von seiner Frohnatur anstecken und geniessen den Austausch von Erlebnissen und lustigen Momenten. Ausserdem sind neu noch zwei junge (18 Jahre jung!) Engländer hinzugekommen. Sie sind in Kolumbien gestartet und wollen noch weiter bis Buenos Aires fahren. Sie sprechen kaum Spanisch und sorgen mit ihrer Aussprache für viele Lacher. Zum Beispiel sagen sie „hueyvous“ und „poulous“ anstatt huevos und pollos. In Kolumbien hätten das die Leute verstanden, hier aber nicht mehr;-). Nebst dem Zelt erledigen wir den Einkauf und sichern uns genügend „queso rallado“ (Reibkäse) und Tomatensauce für mindestens sechs Tage. Wir wissen nicht wann wir das, das nächste Mal wieder irgendwo finden. Und so ein Risotto oder Spaghetti al aglio schmeckt einfach besser mit Parmesan. Apropos Essen; das erste Mal seit wir in Südamerika unterwegs sind, gibts einen echt leckeren Döner (aber trotzdem nur fast so gut wie im Erdemkebap 😉).

Dann ist es endlich so weit, wir packen unsere Drahtesel und machen uns am morgen auf zum Busterminal. Die Fahrt dahin ist nicht ohne, es ist viel Verkehr auf der Hauptstrasse und immer wieder müssen wir Abflussgitter überqueren. Die sind so angelegt, dass es ein Leichtes ist, mit dem Pneu darin stecken zu bleiben (was Urs auch passiert). Die scheinen Fahrradfahrer nicht zu mögen hier… Beim Busterminal angekommen fragen wir uns durch. Wir wollen bis Ayacucho mit einem Bus fahren und von da mit dem Velo starten und bis nach Lima runter radeln. Ich hatte mich im Vorhinein entschieden einen fünf wöchigen Besuch zu Hause in der Schweiz zu machen. Schliesslich darf man ja den Geburtstag des Gottikind nicht verpassen 😉. Ich freue mich! ❤️ Urs wird in dieser Zeit weiter radeln und wenn alles nach Plan läuft treffen wir uns dann Ende Juni wieder an der peruanischen Westküste ganz im Norden, wo wir gemeinsam unser Abenteuer weiter er-fahren werden. Weil mein Flug am 20. Mai geht, sind wir das erste Mal etwas unter Zeitdruck. Die Entscheidung den Bus zu nehmen, fällt jedoch sowieso leicht, da es uns enorm viele Höhenmeter erspart und wir so direkt in den „schönen Part“ der Strecke bis Lima übergehen können. Ausserdem überspringen wir so das berüchtigte VRAEM Gebiet (Lesenswerter Report) . Wir finden schlussendlich ein Busunternehmen, welches zwar keine Fahrräder direkt mitnimmt, wir diese aber per Cargo mit versenden können. Wir entscheiden uns für diese Variante, wenn auch mit etwas unsicherem Gefühl. Wir hatten gehört, dass die Strasse bis nach Ayacucho teilweise sehr schlecht und felsig sein soll, und dass es grundsätzlich eine schlechte Idee ist, Fahrräder zu versenden. Naja, wir wollen nicht noch länger in Cusco bleiben und hoffen das Beste. Der Bus fährt erst am Abend um 20 Uhr. Deshalb machen wir uns nochmals auf in die Stadt und gehen nochmals beim Hostal vorbei um mit den anderen Fahrradreisenden ein letztes Mal zu plaudern, bis es endgültig heisst Abschied zu nehmen. Es war eine sehr schöne und angenehme Athmosphäre unter den Reisenden. Wer weiss, vielleicht sieht man den einen oder andern ja wieder mal.

Pünktlich um 20 Uhr dann fährt der volle Bus los. Bevor wir versuchen zu schlafen, schauen wir uns noch die neue Episode Game of Thrones an, welche Urs heruntergeladen hatte. Zwischendurch werde ich noch von einem netten Herrn eine Sitzreihe hinter uns vollgequatscht. Als wir schlafen wollen ist die Luft im Bus sehr dick, die Scheiben angelaufen, die Lüftung kaputt. Der Koka kauende Mann hinter uns ist keine Hilfe. Wir mögen beide diesen Kokageruch überhaupt nicht. Ausserdem schaukelt der Bus so stark hin und her wenn er mit hohem Tempo in die engen Kurven fährt, dass wir bis am Morgen um 4 Uhr so gut wie Nichts geschlafen haben. Jetzt müssen wir in einen kleineren Minibus umsteigen. Nur 100 Meter vor dem Umsteige- Terminal, kracht plötzlich ein „Tuk-Tuk“ Taxi mit voller Geschwindigkeit in die Seite des Busses rein. Wir halten an und alle steigen aus. Es hat Niemandem was gemacht, aber das Taxi ist ziemlich kaputt. Wir hören wie jemand irgendwas von „boracho“ sagt. Evt. war der Taxifahrer betrunken? Die Polizei ist schnell vor Ort.

Wir können dann nach einiger Zeit in einen Minibus einsteigen und unsere Fahrt fortsetzen. Ein wenig kommen wir so doch noch zu Schlaf, bis wir dann an unserem Zielort in Ayacucho ankommen. Schwerbeladen (wir haben ja alles Gepäck dabei, aber ohne die Räder ist das ziemlich schwierig zu tragen) machen wir uns auf zum Hotel, welches wir im Vorhinein auf IOverlander herausgesucht hatten. Wir haben Glück, das Zimmer und die Betten sind sehr sauber und schön. Und das ist alles was wir in diesem Moment brauchen. Wir sind völlig übernächtigt und neben den Schuhen und fallen sofort müde (und ohne Baumwollschlafsack – so sauber ist es) ins Bett und genehmigen uns erstmal ein paar Stunden Schlaf. Danach fühlen wir uns wieder besser und imstande, das Städtchen etwas zu erkunden. Ausserdem knurren schon wieder unsere Mägen, sodass uns die Aussicht auf ein Chifarestaurant (Fusion von peruanischer und asiatischer Küche) hilft, aus dem Bett zu klettern und uns auf den Weg Richtung Plaza de Armas zu machen. Als wir durch die Gassen laufen sind wir überrascht; Ayacucho zeigt sich als viel schöner und angenehmer als wir gedacht hatten. Es gibt einige schöne Gebäude und Kirchen (den Spanier sei Dank).

Und als wir es uns auf einem Balkon in einem netten Restaurant gemütlich machen und auf den Plaza de Armas runter blicken, fühlen wir uns fast ein wenig wie in Italien. Die Sonne scheint, es ist angenehm warm und auf dem Autofreien Platz sind Kinder am Fussball spielen, viele Menschen sind unterwegs mit Kinderwagen und Familien, sitzen gemütlich auf den Parkbänken und alte Leute plaudern angeregt miteinander. Es liegt irgendwie eine freudige und sehr zufriedene Stimmung in der Luft.

Wir geniessen dazu zum Apero ein leckeres Ceviche (roher Fisch mit Limette mariniert, Zwiebeln und Koreander) und haben so seit langem wieder Mal den Mut, so was heikles in einem Restaurant zu Essen. Wir werden ja sehen… Danach schlendern wir noch etwas weiter durch die Stadt, bis wir uns nach kurzer Zeit doch beschliessen wieder zum selben Restaurant zurückzukehren und da noch richtig zu Abend zu Essen. Nach gutem Essen und einer Flasche argentinischem Weisswein, sind wir dann schon bald wieder im Bett.

Am nächsten Morgen klingelt um 7 Uhr der Wecker. Wir packen alles zusammen und gehen nochmals in „unser“ Resti um zu frühstücken. Um 9 Uhr sind wir dann beim Büro der Busagentur, um unsere Fahrräder abzuholen. Tatsächlich hat es geöffnet und die Räder warten schon in einer Ecke sehnsüchtig auf uns. Alles noch ganz, alles gut! Wir sind erleichtert und dankbar. Später hören wir von anderen Fahrradreisenden, dass sie ihre Velos, welche sie ebenfalls wie wir in einem Cargo mitgegeben hatten, verspätet und verkratzt zurück erhalten hätten (Ausserdem hatten sie uns erzählt, dass sie an ihrem ersten Reisetag in Patagonien, wegen zu starkem Wind, ihre Räder auf einen Jeep geladen und das erste Stück damit mitgefahren sind. Als sie viel später dann angehalten hatten, hatten sie bemerkt, dass die Räder nicht mehr hinten drauf waren. Sie mussten also während der Fahrt vom Jeep gefallen sein?! Sachen gibts 😅. Um die Fahrräder zurückzubekommen gingen sie dann zu diversen Medien und schafften es sogar ins lokale Fernsehen). Wir gehen also rasch zurück zum Hotel um das Gepäck zu laden und starten dann unser Abenteuer nach über 10 Tage Pause wieder. Aus der Stadt raus sind wir rasch, auch wenn es uns die vielen bellenden, knurrenden und agressiven Hunde nicht leicht machen. Die Strasse führt zuerst mal leicht runter und angenehm durch ein Tal, einem Fluss entlang.

Fehlt mal eine Brücke, stossen wir die Fahrräder halt durchs Kiesbett.

Dann beginnt der erwartete Aufstieg. Kurve um Kurve trampeln wir uns die über 1919 Höhenmeter hoch.

Es ist ziemlich steil und einige Stücke schaffen wir nur mit aller Kraft ohne vom Fahrrad steigen zu müssen. Von den Strassenarbeitern und älteren Frauen am Strassenrand sitzend werden wir „ausgelacht“. Und wenn wir denken, jetzt haben wir’s geschafft, wartet hinter der Anhöhe stets ein weiterer Berg.

So ist es bereits 16 Uhr als wir am höchsten Punkt ankommen. Wenn wir vor Dunkelheit ankommen wollen, müssen wir jetzt Gas geben. Die Strecke zieht sich aber hin und es kommen weitere 200 Höhenmeter hinzu. Die Abendstimmung ist wunderschön und die rosa Wolken lassen auf einen schönen nächsten Tag hoffen. Schnell ist es dann aber dunkel. Es ist das erste Mal überhaupt, dass wir im Dunkeln fahren müssen. Schliesslich kommen wir dann total erschöpft im kleinen Dorf „Seclla“ an. Wir nehmen ein einfaches, aber sauberes Zimmer in der einzigen Hospedaje weit und breit, eine kurze, kalte Dusche und kochen seit langem wieder mal Polenta. Von den 500g bleibt nicht mehr allzu viel übrig. Nach nur 5 Minuten „die drei ???“ bin ich bereits eingeschlafen.

Seclla – Huancavelica 140km

Der Wecker treibt uns um 6:30 aus dem Bett. Wir haben beide sehr gut geschlafen und sind bereit für den heutigen, vergleichsweise leichten, Tag. Es warten nur rund 1350hm Aufstieg, alles an einem Stück, auf uns. Danach kommt eine 40km lange/1000hm Abfahrt zu unserem Tagesziel.
Fränzi benötigt etwas länger um aus den Federn zu kommen und so bereitet Urs neben der Hospedaje im Unterstand das Frühstück vor.

Auf dem Platz vor der Unterkunft herrscht schon buntes treiben, als er die Fahrradtaschen rausträgt. Die Kinder warten auf den Schulbus, der dann auch kommt. Und zwar in der Form eines seitlich offenen Lieferwagens. Was für ein Bild! Alle Kinder steigen ein und haben dabei einen riesen Plausch. Das ganze wirkt eher wie ein Viehtransport und macht nicht den allersichersten Eindruck. Wohin der wohl fährt? Ins nächste grössere Dorf sind es nämlich auch mit dem Auto unzählige Kurven, Felswände und Kilometer.
Nur wenige Minuten nach der Abfahrt des Transporters ereignet sich auch schon die nächste Skurrilität. Im Dorfzentrum wird mittels Lautsprecher durchgeben, dass für 10 Uhr eine Gemeindeversammlung angesetzt ist und doch bitte alle erscheinen sollen. Das Thema entgeht uns leider. Lustig ist aber, dass anscheinend ein einziger Lautsprecher auf dem Dorfplatz ausreicht um die gesamte Dorfbevölkerung zu informieren.. Good old times:-). Wir überlegen uns kurz auch an der Versammlung teilzunehmen, entscheiden uns aber aus praktischen Gründen dann doch dagegen.

Nach einem kurzen Einkauf und einer Begegnung mit einer Frau mit einem Papagei auf der Schulter, geht die Fahrt los. Der Aufstieg beginnt direkt vor der Hospedaje. Die nächsten 4.5 Stunden geht es aufwärts. Kein flaches Stück, keinen Höhenmeter verlieren wir während dieses Climbs. Es geht einfach nur hoch. Oft äusserst steil.
Wir kommen gut vorwärts (denken wir jedenfalls). Verkehr hat es praktisch keinen, dafür blockieren Schafherden, Kühe, Ziegen, Hunde oder Schweine gelegentlich die Strasse. Als eine grössere Herde die Strasse blockiert, legen wir eine erste Znünipause ein, nur um 300m später von einer am Strassenrand sitzenden Frau angehalten zu werden. Wir sollen uns doch einfach neben sie setzen und ein wenig entspannen.. Die Art und Weise wie sie das sagt, entreisst uns beiden ein breites Grinsen. Wahrscheinlich würden wir 3 Stunden lang nicht weiterfahren können, wenn wir jetzt anhalten. Wir lehnen dankend ab und setzen unseren Aufstieg fort.

Ab etwa 4000 Metern beginnt sich die Landschaft rasant zu verändern. Bis zu dieser Höhe gab es noch viele Maisfelder, Ackerbau, kleine Siedlungen und dünne Wälder. Mit erreichen der Baumgrenze verändert sich die Landschaft markant. Es wird felsiger, hat viele Bäche und Moore und nur noch sehr selten ein kleines, altes, meist aufgegebenes Häuschen. Die Temperatur stürzt richtig in den Keller und ein eiskalter Wind bläst uns um die Ohren. In den Gipfeln vor und um uns stauen sich die Wolken, und schon bald fallen die ersten Regentropfen.
Diese raue, unwirtliche, eiskalte Szenerie beeindruckt uns zutiefst. Was für ein Schauspiel auf über 4000 Metern. Wir ziehen warme Kleidung und die gesamte Regenausrüstung an, stärken uns kurz und nehmen die restlichen Kilometer bis zum Andenpass in Angriff.

Über viele Serpentinen geht es hoch bis zum Sattel auf 4500m. Oben angekommen, passieren wir einen kleinen Bergsee, der geradezu zum Wildcampen einlädt. Das Wetter ist aber mittlerweile so mies, dass wir weiterfahren. Ausserdem sehen wir, dass auf der anderen Seite wohl gar kein Regen gefallen ist. In der Tat: Schon nach nur 500m sind die Strassen trocken und die Temperatur steigt um einige Grade. Also gönnen wir uns die 40km lange Abfahrt doch schon heute. Ab und an stoppen wir um uns etwas aufzuwärmen (oder wegen den riesigen Alpacaherden, die die Strasse blockieren). Die Abfahrt ist traumhaft. Eine perfekte, schmale Strasse schlängelt sich den Bergen entlang konstant abwärts, ohne auch nur einen Meter wieder zu steigen.

Obwohl wir nie richtig in die Pedale treten müssen, dauert die Abfahrt 2,5 Stunden. Die vielen Kurven halten das Durchschnittstempo tief.
Am späten Nachmittag treffen wir in Lircay ein. Eigentlich wollten wir in den Bergen wild campieren, doch war das Tal einfach zu übersichtlich und wir konnten keinen guten Platz ausmachen. Wir wissen, dass es zwei Unterkünfte in Lircay gibt.

Die erste ist gleich ein Volltreffer. Ein brandneues 3*** Hotel für umgerechnet CHF 8.- /pp die Nacht. Wunderschöne saubere Zimmer, ein eigenes topmodernes Bad und sogar die Betten sind über europäischem Niveau. Unsere beste Unterkunft seit dem Casa Suiza in Chile. Dazu gibts einen Innenhof (für uns ein grosses Plus) und wir dürfen die private Küche der Besitzerin benutzen. Wir verzichten darauf Lircay zu erkunden und geniessen stattdessen die überragende Unterkunft. Beim hereinfahren haben wir sowieso schon gesehen, dass es sich wohl um ein wenig schönes, generisches peruanisches Dorf handelt. Mit Gewissheit wissen wir das natürlich nicht, dazu hätte man schliesslich das Hotelzimmer verlassen müssen.. Nach diesem eisigen Tag ziehen wir eine 30 Minütige heisse Dusche einem Stadtspaziergang aber vor.

Wie so oft sitzen wir am Morgen früh auf irgendeinem Platz, beladen unsere Fahrräder und kochen nebenbei unser Frühstück. Und wie so oft fasziniert dies irgendwelche Leute, die dann plaudern kommen. Auch so heute. Wir erzählen von unseren Plänen und dass wir gerne in einem Tag Huancavelica erreichen möchten (1750hm, 77km – ja, mit dem 45kg Tourenrad ist das eine anspruchsvolle Etappe). Das schafft ihr in zwei Stunden, versichern uns mehrere Hotelangestellte. Schliesslich fahrt ihr auf unserer brandneuen doppelspurigen Strasse! Und ein Auto schafft es in ca einer Stunde. Wir versuchen ihnen zu erklären, dass diese Vorstellung geradezu lächerlich ist, doch sie bleiben dabei. Alles erklären hilft nichts, sie haben einfach keine Ahnung vom Fahrradfahren. Für manche ist Fahrradfahren, wie wir es tun, gänzlich unvorstellbar, oder sie denken wir seien so schnell wie ein schwaches Motorrad. Wie dem auch sei, wir brechen unsere Überzeugungsversuche bald ab, schwingen uns aufs Fahrrad und gehen ins Zentrum Proviant einkaufen. Während wir zu den kleinen Shops fahren, werden wir zuerst wie Ausserirdische beäugt, dann von einigen angesprochen und am Schluss sind wir von einer kleinen Traube Passanten umgeben. Die Verkäufer wollen wissen wie es uns hierher verschlagen hat, die Passanten wollen alles über unsere Reise erfahren, wir werden auf Tee eingeladen und von gegenüber der Strasse winken die Bauarbeiter. Ein ganz normales, untouristisches peruanisches Dorf halt.. Und wieder wollen sie uns weismachen, dass wir mit dem Fahrrad in 2 Stunden in Huancavelica eintreffen. Und ratet mal weshalb: Wegen ihrer brandneuen doppelspurigen Strasse! Soviel Stolz auf eine Strasse haben wir noch nicht erlebt..! (OK, die Strasse ist dann wirklich einwandfrei, Verkehr gibts aber nur wenig. Infrastrukturprojekt halt..).
Wir lösen uns aus der Traube und beginnen Tag drei unserer Tor-tour.

Details zu der Strecke ersparen wir euch nun. Es ging viel hoch-runter-hoch-runter-hoch-runter-hoch-viel runter. Unterwegs passieren wir mehrere Minen. Bergbau ist, wie überall in den Anden, wichtig für die Region, wird aber fast ausschliesslich von ausländischen Unternehmen betrieben. Leider gehört auch Umweltverschmutzung zum Bergbau in Peru dazu und so kann ein Bergsee schon mal komische Farben annehmen.

Nach nur 8 Stunden erreichten wir Huancavelica. Wir hatten gehofft, dass Huancavelica eine so positive Überraschung/schöne Stadt wie Ayacucho wird, doch schon beim hineinfahren stellen wir fest, dass diese Stadt eher auf der „Shithole“ Seite unseres Städterankings liegt. Seis drum, wir haben auf unserer Reise schon viele positive Überraschungen erlebt. Wie immer fahren wir direkt zum Dorfplatz, um von da aus unsere Unterkunftssuche zu starten.

Boxkampf auf dem Dorfplatz.

Urs schaut sich 1, 2, 3,… 7 Unterkünfte an, doch alle entspringen entweder einem schäbigen Horrorfilm oder sind für Peru unverschämt teuer. Also gehen wir zurück zu Unterkunft 1, da diese sauber genug ist, Preis/Leistung in Ordnung und wieder einen Innenhof bietet, in dem wir unsere Fahrräder warten und auf unserer Campingküche kochen können, falls wir dazu Lust haben.
Es ist schon fast 21 Uhr als wir geduscht das Hotel verlassen und ein geeignetes Restaurant finden. Wir fallen vor Hunger fast vom Stuhl, bis das Essen endlich eintrifft. Zum Glück gibt es riesige Portionen!
Die letzten drei Tage hatten es echt in sich. Mit den schweren Tourenrädern in nur drei Tagen 5175hm zu fahren hätten wir zu Beginn unserer Reise noch nicht geschafft.

Der tiefste Punkt der Woche lag etwa auf Höhe des Niesen. Von der Höhe merken wir aber fast nichts mehr. Wir sind nun schon seit zwei Monaten konstant auf über 3500 Meter über Meer, an die dünne Luft gewöhnt und gut Akklimatisiert.

Wir gönnen uns noch einen Sieges-Pisco in einer Bar und im Hotelzimmer ein drei??? vor dem Einschlafen. Während wir dem Hörspiel zuhören, erfahren wir von einer Schwäche der etwas älteren Unterkunft. Neben uns geniesst ein peruanisches Paar die Nacht im Hotel. Geradezu pornomässig stöhnt und „schreit“ die Frau während des Aktes durchs Hotel. Das Gestöhne durchdringt die Wände mit Leichtigkeit, womit alle Gäste in den Genuss dieser Vorstellung kommen. Das Schauspiel der Frau hat aber etwas ästhetisch und den Mann hört man nicht ein einziges Mal, alles halb so wild also. Nach 15 Minuten ist der Spuk dann auch schon vorbei und alle dürfen in Ruhe schlafen.

Urs erwacht bereits wieder um 6 Uhr morgens. Kurz darauf höre auch ich die Wecker aus den Zimmern nebenan klingeln als wäre es mein eigener. Weil wir es können, bleiben wir trotzdem noch eine Weile im Bett. Später machen wir es uns dann an im Innenhof an der wärmenden Sonne gemütlich und frühstücken. Die Hotelbesitzer/ Mitarbeiter oder was auch immer sind sehr freundlich und hilfsbereit. Wir quatschen eine Weile und erfahren, dass heute eine „Feria“ (so was wie Chilbi, mit Tieren) im Dorf nebenan statt findet. Eine der Angestellten bietet an, uns dahin zu begleiten wenn wir Lust haben. Natürlich haben wir Lust! Zuvor gehen wir aber noch beim Mercado Central einkaufen und in einer Cevicheria (!) Mittagessen. So ganz ist uns nicht wohl bei der Sache… Roher Fisch für CHF 1.50? Aber das Essen ist lecker. Und schliesslich müssen wir uns ja irgendwie auch an die Keime gewöhnen?! Bei einer Fereteria (kleiner Baumarkt) kaufen wir noch Angelschnur und zwei Spinner, um uns auf dem „great divide“ durch die peruanischen Anden, eine eigene Angelrute zu basteln und unser Glück auf eigenes Ceviche zu versuchen. Um 14 Uhr treffen wir dann Maria (vom Hotel) und machen uns auf den Weg zur Feria. Auf der Strasse werden wir öfters von Einheimischen angesprochen und gefragt woher wir kommen. Plötzlich kommt rasend ein Auto mit einer Nummer auf der Heckscheibe an uns vorbei gedonnert. Es findet gerade ein Autorennen statt, welches hoch oben in den Bergen beginnt und hier, mitten in der Stadt endet.

Völlig erstaunt bleiben wir stehen. In der Schweiz wäre so was, mit so wenig Sicherheitsvorkehrungen niemals möglich. Kaum Polizei, Absperrungen oder Informationen, dass gerade ein Rennen stattfindet. Kann gut sein, dass wohl öfters der eine oder andere Hund daran glauben muss… Weiter hören wir (schon seit dem Morgen) von überall her von den Bergen rund herum Böller die laut knallen. Maria erklärt uns, dass es auf Anhöhen rund um die Stadt herum vier Kirchen mit Kreuzen gibt, jeweils eine Gruppe von Menschen sich da oben einfindet und diese Böller zündet. Am Ende werden sie die Kreuze (wie Jesus) runter tragen, als Zeremonie der „Semana Santa“ ( Osterwoche). Naja, diese Osterwoche scheint hier gar kein Ende zu nehmen. Auch sonst sind traditionell gekleidete Blasmusikgruppen in der Stadt unterwegs.

Es scheint immer was zum Feiern zu geben.

Als wir bei der Feria ankommen erwartet uns ein Gelände voll mit Kinderchilbibahnen, Messeständen, Alpacas, Meerschweinchen und Hasen und natürlich vielen regionalen Essensständen.

Es hat viele Leute hier. Und unter allen sind wir wieder mal weit und breit die einzigen Blonden. Dementsprechend werden wir auch gemustert. Wir schlendern herum und probieren dann zum ersten Mal „Cuy“ (Meerschweinchen). Schmeckt nicht anders als Kaninchen. Nach der Feria gehen wir wieder zum Chifa Restaurant mit den grossen Portionen und danach wieder in die selbe Bar wie am Abend zuvor, um bei einem Cusqueña den Blog zu schreiben. Irgendwie mögen wir es zwischendurch, uns bekannte Plätze aufzusuchen und zu wissen, was einen erwartet.

Wir planen noch einen weiteren Tag in Huancavelica zu bleiben und uns auf die Peruvian Divide vorzubereiten (Link). Die Divide gilt unter den Fahrradfahrer als eine der schönsten Strecken weltweit. Sie ist aber auch sehr anstrengend und abgelegen. Wir rechnen damit, etwa 10 Tage dafür zu benötigen. Zur Vorbereitung gehört die Kontrolle und der Einsatz neuer Bremsbeläge. Denn am Schluss wartet auf uns eine Abfahrt von 4959 Metern über Meer, direkt runter an die Küste. Fast 5000hm Abfahrt über nur rund 150km Distanz. Vorfreude herrscht!

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