Dahin wo der Pfeffer wächst

Huancaya – Lima 328km

Am nächsten Morgen ist der Himmel wolkenfrei, die Luft klar und frisch. Wir freuen uns auf den heutigen Tag und sind richtig euphorisch.

Heute geht (fast) alles runter bis auf nur noch 500 Meter über Meer und schon Übermorgen sind wir nach fünf Monaten endlich wieder am Meer. Auf der Abfahrt geniessen wir die Aussicht auf die saftig grünen Inkaterassen, die klaren, blauen Lagunen und schiessen ein paar Fotos, die wir auf der Hinfahrt versäumt hatten.

Nach etwa einer Stunde befinden wir uns dann wieder auf Asphalt und erhöhen unser Tempo. Die Strasse ist eben und es gibt kaum Verkehr. Sie führt uns durch tiefe Schluchten, vorbei an kleinen Dörfern und immer dem türkisfarbenen Rio Cañete folgend.

Mit jedem Kilometer wird es wärmer. Schon bald fahren wir in T-Shirt und kurzen Hosen. Und es wird auch immer trockener. Wo vorher noch Bäche von allen Seiten sprudelten, herrscht plötzlich totale Dürre. Ausser im Tal, wo sich der Rio Cañete entlang schlängelt, gibts nur Kakteen, sonst keine Vegetation, alles ist in braun und grau Töne. Manchmal sieht es aus wie auf dem Mond, wenn wir in die Gebirge hinauf schauen.

Nach dem Mittagessen zieht langsam Wind auf. Und nach kurzer Zeit bläst er uns mit so grosser Wucht entgegen, dass wir selbst Bergab treten müssen. Das wars dann wohl mit der gemütlichen Abfahrt. Bis wir an unserem Ziel ankommen (nach rund 140 Kilometer) zieht es sich ganz schön hin und wir sind beide ziemlich am Ende mit unseren Kräften.

Wir finden ein Camping und bauen unser Zelt auf. Die Dusche ist kalt, was aber bei den für uns ungewöhnlich warmen Temperaturen total egal ist. Nach einem feinen Chaufa (Reiswok mit Poulet und Gemüse) sind wir dann rasch im Zelt. Seit langem brauchen wir unsere Schlafsäcke kaum. Alles ist so viel angenehmer bei warmen Temperaturen.

Heute warten nur noch wenige 50 Kilometer bis runter nach Cerro Azul auf uns.

Der Verkehr nimmt zu und bald fahren wir schon nach Cañete rein. Da kaufen wir Lebensmittel ein und machen uns dann auf den Endspurt, bis wir schliesslich in dem kleinen Touridorf Cerro Azul am Meer ankommen. Es ist Zwischensaison und nicht viel los. Wir finden ein eher teueres, aber schönes und sauberes Hostalzimmer mit einem grossen Balkon und Meerblick. Einen Campingplatz gibts hier leider nicht. Aber als wir aus der Dusche kommen sehen wir vom Balkon aus, ein Zelt auf dem Strand stehen und daneben ein Tourenvelo. Natürlich machen wir uns sofort auf, ausgestattet mit einem kühlen Bier, um diesen Freak, der da total sichtbar und vor den Hotelmauern direkt am Meer sein Zelt aufgebaut hatte, kennen zu lernen. Er heisst Vicent und kommt aus Spanien. Das Bier nimmt er dankend an und erzählt uns seine Reisegeschichte. Er ist auf einen Tag genau zur selben Zeit wie wir gestartet. Aber in Brasilien und fuhr dann durch Uruguay, Paraguay, Argentinien, Bolivien und jetzt Peru. Einfach so am Strand zu campen, dabei hat er keine Bedenken. Es sei ihm noch nie was passiert bis jetzt und wenn man keine Angst hat, passiert auch Nichts, ist seine Devise. So quatschen wir eine Weile und tauschen Erlebnisse aus.

Als wir uns dann verabschieden, um noch etwas zwischen die Zähne zu bekommen, bemerken wir, dass wir kein Bargeld mehr haben und es im ganzen Ort keinen Bankomaten gibt. Also kochen wir, was wir noch haben und unsere „Feier zur Erreichung des Meeres“ verschieben wir auf den nächsten Tag.

Am Morgen machen wir uns mit unseren letzten Soles mit dem Bus auf, zurück nach Cañete, um unsere Bargeldreserve wieder aufzustocken. Zurück in Cerro Azul, können wir dann endlich mal richtig das Meer geniessen und den Strand ablaufen.

Es gibt ein paar wenige Surfer, zum baden aber ist das Wasser zu kalt. Dafür begegnen wir unterwegs der einen oder anderen sehr „speziellen“ Person. Eine Frau zum Beispiel steht stundenlang am Meer, spricht vor sich hin und macht dazu komische Körperbewegungen. Vielleicht ein Ayahuasca- Trip?! 😅 Dann gibts endlich das erste Ceviche am Meer, in einem netten Strandrestaurant. Von da aus sehen wir dann auch wieder Vicent am Strand. Wir gehen hin (diesmal mit Rotwein) und verbringen den Nachmittag gemeinsam. Er musste in der Nacht zuvor noch zweimal sein Zelt zügeln, da die Polizei kam und sagte, dass es zu gefährlich sei, dort zu campen, wo er gerade war. 50 Meter weiter links, wars dann aber ok?! Naja, auf jedenfall, als wir da so in der Sonne sitzen, kommt plötzlich diese Frau, die wir Stunden zuvor schon am Strand gesehen hatten (die mit dem Ayahuasca-Trip?!) hinzu und quatscht uns voll.

Als sie pinkeln muss, uriniert sie direkt hinter das Zelt von Vicent. Als später noch eine weitere sonderbare Frau auftaucht und ins Ohr von Vicent flüstert, dass sie von einem Mann verfolgt wird und ob wir ihre Tasche beschützen würden, sind wir doppelt froh, ein sicheres und sauberes Hotelzimmer zu haben und in Ruhe schlafen zu können. Als es dunkel wird verziehen wir uns dann auch wieder dahin zurück und kochen uns was leckeres.

Am Tag darauf haben wir um 9.00 Uhr mit Vicent beim Plaza abgemacht. Wir wollen ein Stück zusammen weiter fahren. Also machen wir uns zu dritt auf Richtung Panamericana. Auch hier in Peru ist es üblich, dass man auf der „Autobahn“ über Radfahrer, Fussgänger und auch das eine oder andere Tier antrifft. Wir haben einen breiten Seitenstreifen zur Verfügung und fühlen uns relativ sicher. Die Strasse ist leicht hügelig und zieht sich durch diese total unwirtliche Wüstengegend.

Die Sonne bekommen wir heute nicht mehr zu Gesicht. Die ganze Pazifikküste ist von Dunst und Nebel zugedeckt und macht die Stimmung noch düsterer. In dieser Jahreszeit ist dieses Wetter hier sehr üblich. So bringen wir die nur knapp 50 Kilometer mit Musik in den Ohren hinter uns und finden dann eine Hospedaje, wo wir nach einigem Verhandeln (danke Vicent) für ein paar Soles zelten dürfen.

Zum zNacht gibts Spaghetti Carbonara, endlich wieder mal was anderes. Immer Reis, Linsen oder Pasta mit Tomatensauce kann mit der Zeit ganz schön verleiden. Da macht z. b. eine Packung Rahm oder Reibkäse zu Abwechslung schon einen grossen Unterschied.

Hab ich schon gesagt, dass ich eine Essensliste habe, was ich alles essen möchte wenn ich zurück in der Schweiz bin?! 😅 Apropos Essen, hier einen kleinen Einblick, was wir während einer strengen Fahrwoche pro Tag so verdrücken:

Mengenangaben pro zwei Personen*

Frühstück

200g Avena (Haferflocken)

2dl Milch (aus Milchpulver)

2St. Bananen o. Äpfel

50g Nussmischung

2-3 Kaffee

ZNüni

2-4St. Eier hart gekocht

ZMittag

250g Pasta (mit Gemüse oder Sauce, am Vortrag gekocht)

ZVieri

4St. Riegel

ZNacht

300g Risotto

1St. Zwiebel

3St. Knoblauch

50g Tomatenpüree

80g Parmesankäse gerieben

Dessert

1Packung Cookies 🍪 (Toddys, Oreo)

Am Morgen darauf fahren wir zusammen weiter bis Pucusana, ein kleines Fischerstätdchen, dass in einer kleinen Bucht gelegen und für ihr leckeres Ceviche bekannt ist. Es sind nur 45 Kilometer. Wir haben alle Zeit der Welt um bis nach Lima zu kommen und nehmen es deshalb sehr gemütlich.

In Pucusana nehmen wir uns ein Zimmer in einer sehr schön gelegen und sauberen Unterkunft, welche von einem Dänen und einer Peruanerin geführt wird.

Vicent fährt weiter, auf der Suche nach einem Strand um gratis zu campen. Wir sind froh sind wir nicht so knapp bei Kasse und können uns auch mal was besseres leisten. Wir bleiben drei Nächte in Pucusana und verlieren uns im süssen Nichts tun.

Pucusana hat uns beiden gut gefallen. Den Charme eines echten Fischerdorfs haben wir bisher selten verspürt. Viel zu sehen gibts dennoch nicht und so reisen wir bereits wieder ab. Bis zu unserem Airbnb im Zentrum Limas sind es 75 Kilometer. Zuerst 40 km auf dem Seitenstreifen einer Autobahn, bevor wir uns dann durch das Gewusel der Hauptsadt Perus wursteln werden.
Grosstädte haben es immer in sich. Das Verkehrschaos ausserhalb der Zentren, gepaart mit Grosstadthektik, erhöhter Kriminalitätsrate, erschwerte Navigation und die ganzen Kreuzungen. Um in eine Stadt zu fahren rechnen wir immer extra viel Zeit ein. Und vor Lima wurden wir immer wieder gewarnt. Sehr gefährlich, kriminell, schäbig, extrem chaotisch und überhaupt nichts Besonderes. Wir sind deshalb etwas nervös vor der Fahrt in die Stadt und haben uns sogar überlegt mit dem Bus hinein zu fahren. Das ist aber auch immer so ne Sache… Also brechen wir einfach sehr früh auf, um genügend Zeit für die Hereinfahrt zu haben.
Die ersten 40km sind, wie gesagt, Autobahn. Wir kommen schnell vorwärts. Lastwagen um Lastwagen passiert uns. Dass zwei Fahrradfahrer auf dem Pannenstreifen fahren, interessiert nicht mal die Polizei. Im Gegenteil, die Autofahrer winken uns fröhlich zu. Wir sehen ganz viele erhobene Daumen. Ansonsten sehen wir nichts. Wir fahren weiter im hier typischen Nebel. Das Meer ist meist 300m zur Linken, sehen tun wirs aber nicht. Weiterhin säumen Sanddünen die Strasse, die am Meer in den Strand übergehen. Zugang zum Meer gibts nur selten. Die ganze Küste scheint von Geschäftsleuten aufgekauft zu sein um irgendwann mal Ferienresorts zu bauen. Bisher bauten sie nur die Zäune, um ihr Eigentum abzusichern.
Nach 2 Stunden Fahrt erreichen wir den Stadtrand. Sogleich wirds chaotisch, die Strassen überfüllt und die Fahrer aggressiv. Urs wird von einem Tuktuk rücksichtslos abgedrängt und Fränzi hat ein kleines Duell mit einem Taxi. Das alles spielt sich in den ersten 30 Minuten in Lima ab. Als wir dann die Kreuzung des Schreckens (lächerlich gefährliche Kreuzung, vor der wie schon im Vornherein, zu Recht, gewarnt wurden) passieren, verändert sich das Stadtbild schlagartig. Villen säumen die Strasse, niemand hupt mehr oder drängt unschuldige Fahrradfahrer ab, teure Mercedes und Porsches überholen uns, die Leute sind sauber und gepflegt und alles wirkt entspannt und organisiert. Was für ein Szenenwechsel! Das ist zwar eines der reichsten Viertel, doch auch die nächsten 2.5 Stunden, die wir durch die Stadt fahren, bleiben sehr angenehm. Die Hälfte der Strecke bewältigen wir sogar auf gut ausgebauten Fahrradwegen.
Lima ist eine grosse positive Überraschung für uns. Die Innenstadt, und besonders Miraflores, kann es leicht mit den meisten europäischen Städten aufnehmen. Das zeigt sich auch in den Preisen. Klar, man kriegt ein Reisgericht, ohne gross zu suchen, für CHF 2.50. Ein Essen in einem Mittelklasserestaurant kostet dafür bereits um 10 CHF. Für Peru sind das gehobene Preise.
Wir wundern uns ob den ganzen Warnungen vor Lima. Lima ist für uns die angenehmste Stadt seit Nordargentinien und viel entspannter als zum Beispiel Buenos Aires. In BA tragen zum Beispiel alle Einheimischen ihre Taschen in öffentlichen Verkehrsmitteln oder belebten Zonen stets vorne. In Lima? Fehlanzeige. Niemand schaut sich ängstlich um, aus Angst vor Taschendieben, Räubern und Junkies. Leute, die Lima (Viertel in denen sich Touristen normalerweise aufhalten) als gefährlich bezeichnen, haben von Südamerika noch nichts gesehen. Was natürlich nicht heisst, dass der Rest Südamerikas gefährlich wäre, Lima sticht aber definitiv positiv aus der Masse hervor.
In Lima haben wir einiges zu tun. Die Stadt erkunden, Fahrräder pflegen, Einkaufen, Ersatzteile organisieren, Wäsche waschen, mindestens einmal in den Ausgang gehen und ganz viel Ceviche essen (roher Fisch an Limette und Chili). Darauf freuen wir uns schon länger!
Gleich zu Beginn treffen wir Elke und Harald wieder, die zufälligerweise am selben Tag in Lima eintreffen wie wir. Zuletzt haben wir sie in Puerto Natales in Patagonien gesehen. Sie fuhren dann weiter bis Ushuaia und wir drehten da Richtung Norden ab. Zeitweise waren sie so mehrere Tausend Kilometer südlich von uns. Aber Elke und Harald fahren schneller und wir machen dafür mehr Pausen, also haben sie uns wieder eingeholt.


Wir freuen uns sehr sie wieder zu sehen! Gefeiert wird das Treffen bei einem Pisco Sour, dann noch einem und noch einem. Wir erzählen uns von unseren Erlebnissen, von gemeinsamen Bekannten und spannende Geschichten unserer Reise. Und ein weiteres Mal merken wir, dass wir überhaupt nicht mehr trinkfest sind. Nach 3 Piscos sind wir alle bereits wasted. Wer bezahlt hat, weiss am nächsten Tag nur noch Urs.

Unsere wichtigste Aufgabe in Lima ist aber den Versand unserer Fahrräder nach Norden vorbereiten und die Tage vor Fränzis fünfwöchigen Kurzferien in der Schweiz zu geniessen. Hoffentlich schaffen wir das bei unserer langen To do liste:-).

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