Auf zum Mittelpunkt der Erde!

Latacunca – Quito 111km

Der Morgen beginnt aufgeregt. Als wir das eher spärliche Frühstück (irgendwann wollen wir es uns richtig gut gehen lassen in einem super Hotel mit grossem Frühstücksbuffet😋) beendet haben, erzählen uns zwei Frauen aus der Niederlande, dass sie beklaut worden sind. Weil sie sich schon vor dem Frühstück beobachtet und unwohl gefühlt hatten, hatte eine der beiden ihre Kamera im Zimmer aufgestellt und während sie weg waren laufen lassen. Und als sie nach dem Essen zurück kamen, war tatsächlich Bargeld verschwunden. Auf dem Video der Kamera ist deutlich zu erkennen, wie sich eine etwas ältere Frau Zutritt zum Zimmer verschafft und in allen Sachen herum wühlt um sich schliesslich rund 100 Dollar in die Hosentasche zu stecken. Als sie dies der Hostelbesitzerin melden wollen, stellt sich heraus, dass sie selber es war, die sich an ihnen unerlaubt bereichert hatte. Wir sind sprachlos. Sie melden den Vorfall der Polizei und erstatten Anzeige.

Für uns ist der Fall klar, dass auch wir hier möglichst rasch weg wollen. Es hätte genau so gut uns treffen können, das Zimmer der Holländerinnen war direkt neben unserem. Eigentlich wollten wir ja unsere Räder und Gepäck hier deponieren und am kommenden Tag eine weitere Nacht hier verbringen. Auch wenn es natürlich nicht gleich nochmals zu einem solchen Vorfall kommen würde, haben wir nicht die geringste Lust, dieses Hostel mit unserem Geld in irgendeiner Weise zu unterstützen, und machen die Fliege. Wir gehen mit all unserem Hab und Gut zum „Andes bike“ Shop. Dieser wurde uns am Tag zuvor von einem Biker, welcher wir unterwegs nach Latacunga kennengelernt hatten, empfohlen und gesagt, dass er immer wieder Radreisenden hilft. Wir hatten auch die Nummern mit dem Biker (er heisst Homero) ausgetauscht und am Abend sein Restaurant besucht und das feine Essen genossen. Wir schreiben auch ihm, was vorgefallen ist. Der Besitzer des Andes Bike Shop ist ein Freund von Homero und gerne bereit, unsere Sachen für eine Nacht bei sich im Geschäft zu lagern. Als Dankeschön lassen wir unsere Räder von ihnen wieder mal einer Grundreinigung unterziehen.

Ausserdem muss bei Franziskas Rad die Kette gewechselt und die Bremspads ersetzt werden. Dann holt uns Homero sogar mit seinem Auto ab, fährt uns zum Supermaxi zum Einkaufen und dann zum Busterminal, wo uns ein Bus nach Quilotoa bringen soll. Er lädt uns auch dazu ein, am Tag darauf, bei ihm im Garten zu campen. Er ist super hilfsbereit, total nett und betont, dass wir uns bei ihm melden können falls wir Hilfe benötigen. Wir verabschieden uns, kaufen für je 2 Dollar die Bustickets und sitzen fünf Minuten später im fahrenden Bus. Super Timing! Zumal uns niemand genau sagen konnte im Vorhinein, wann, wie und ob überhaupt ein Bus bis nach Quilotoa fährt. Einige Höhenmeter, wunderschöne Graslandschaften mit grossen Rissen in den Bergen und etwa zwei Stunden später kommen wir im berühmten Touriort an. Mit unseren Rucksäcken am Rücken laufen wir dem Krater entlang und erhaschen so erste Blicke auf die türkis-grün leuchtende Laguna Quilotoa. Der Anblick ist Atemberaubend!

Der Durchmesser des Kraters beträgt etwa 2,5 Kilometer und rundherum zu laufen wären etwa 8 Kilometer. Viele Touristen kommen hier her um den „Quilatoa Loop“ zu machen (eine etwa 3 tägige Wanderung). Wir aber wollen einfach nur die Aussicht geniessen, bei einem Camping unser Zelt aufschlagen und einfach Nichts tun. Wir Fahrradtourer können ganz schön faul sein! Der Camping den wir ansteuern sieht sehr vielversprechend aus. Wir dürfen unser Zelt auf einer kleinen Lichtung zwischen den hier heimischen Tannen aufstellen (und sind somit vor den heftigen Windböen hier oben geschützt), es gibt eine Wasserstelle und die Campingfrauen bringen sogar noch Feuerholz, damit wir am Abend nicht frieren müssen.

Als wir alles aufgestellt und bereit haben, nehmen wir unsere Kochsachen und gehen hoch zur Aussichtsplattform. Die Sonne scheint und es herrscht eine schöne und ruhige Stimmung. Plötzlich taucht noch ein weiterer Radreisender aus Rumänien (Sebastian) auf und gesellt sich ebenfalls zu uns. Sowie ein Backpacker aus Spanien. Wir quatschen, kochen Spaghetti, trinken Kaffee und Wein und geniessen die letzten wärmenden Sonnenstrahlen auf unserer Haut.

Nachdem es dunkel geworden ist, gehen wir zurück zum Campingplatz und machen ein Feuer. Sebastian hat sich entschlossen auch hier zu nächtigen. Er ist mit seinem Mountainbike ebenfalls Richtung Norden unterwegs. Wir verstehen uns gut und es ist spannend etwas über Rumänien, was wir so gar nicht kennen, zu erfahren.

Vom Himmel leuchten die Sterne, laut rauscht der Wind der durch die Tannenwipfel zieht und das Feuer raucht und knackst.

Doch irgendwann ist die Zeit gekommen, sich in den wärmenden Schlafsack zu legen und der wohligen Traumwelt hinzugeben.

Langsam wachen wir auf, während die Sonne bereits auf unser Zelt scheint. Ein grosses Frühstück aus Avenas, Bananen und Trockenfrüchten später, verabschieden wir uns schon von Sebastian, der heute wieder einen strengen Tag mit viel Gegenwind vor sich hat. Aber wir sind sicher, dass wir uns unterwegs nochmals treffen werden. Auch wir packen zusammen und geniessen nochmals für eine Weile den Ausblick vom Mirador auf den Krater und die Lagune.

Um die Mittagszeit gehen wir zur Bushaltestelle zurück. Ein Pickup hält an und möchte uns bis Latacunga mitnehmen (für nur 5 Dollar). Irgendwie hat Fränzi ein komisches Gefühl und wir lehnen ab. Er ist aber ganz schön hartnäckig und möchte uns unbedingt mitnehmen. Er sagt auch, dass gar keine Busse fahren. Trotzdem lehnen wir ab. Und dann, nur fünf Minuten später kommt der Bus und wir sind schon wieder Richtung Latacunga unterwegs. Da angekommen gehen wir zum Bikeshop wo unsere blitzsauberen Räder schon auf uns warten. Homero hatte geschrieben, dass er doch erst spät in der Nacht zurück in Latacunga sein wird. Also nehmen wir uns doch nochmals ein Hostel gleich in der Nähe und gehen am Abend Burger essen. Es ist Samstagabend, die Stadt ist jedoch ruhig und die Strassen leer. Komisch…

Von Latacunga aus starten wir unsere nächste Etappe Richtung Vulkan Cotopaxi. Die ersten 30 Kilometer fahren wir auf der Autobahn, was ziemlich unspektakulär ist. Bis wir dann abbiegen und auf bester, asphaltierter Strasse, gesäumt von dichtem Tannenwald, immer höher bis zum Eingang des Cotopaxi Nationalpark fahren. Da oben gibts bereits eine Menschenschlange aus hauptsächlich ecuadorianischen Touristen, welche darauf warten, sich zu registrieren, was obligatorisch ist. Wenn man jedoch wieder aus dem Park raus geht, muss man sich nirgends abmelden oder wieder austragen lassen. Wir wissen nicht genau, was diese Registration bringen soll, stehen aber natürlich schön anständig hinten an und warten, bis wir an der Reihe sind.

Von hier ist es dann nicht mehr weit bis zum Campingplatz. Die asphaltierte Strasse aber endet abrupt, es folgen Waschbrett, feiner Kies und immer stärker werdender Gegenwind. Sofort sind wir sehr viel langsamer. Plötzlich entdecken wir nicht weit vor uns Sebastian wieder. Wir machen zusammen eine Pause. Es geht im nicht gut. Irgendetwas hatte ihm den Magen verdorben, er fühlt such schwach. Wir fahren dann das letzte Stück zusammen hoch bis zu einer Campingarea, wo wir zwar keine Infrastruktur haben, dafür aber gratis und direkt unter dem Cotopaxi (welcher ca. 5800 Meter hoch ist) zelten dürfen.

Und ganz unerwartet lichten sich die Wolken immer mehr und mehr und dieser massive, schneebedeckte Bergklotz präsentiert sich in voller Grösse. Wir sind hin und weg!

Wo andere Touris Tage darauf warten, einen kurzen Blick auf den Cotopaxi werfen zu können, haben wir das Glück, ihn den ganzen Abend während dem Kochen und Essen noch bestaunen zu können. Das Wetter hält sich stabil und trocken, was in dieser Gegend nicht selbstverständlich ist.

Es ist eine kalte, und als der Wind sich legt, totenstille Nacht.

Am nächsten Tag entsteht durch die dichten Nebelschwaden ein mystisches Bild. Wir werden aufgeweckt vom Geräusch von vorbeifliegenden Vögel und direkt neben unserem Zelt grasen wilde Pferde.

Es ist erstaunlich, wie viele Tiere in diesem unwirtlichen Gebiet Leben. Vom Vulkan ist so natürlich nichts zu sehen. Gelegentlich regnet es sogar leicht. Also ziehen wir all unsere Regensachen an und brechen auf. Sebastian ist schon etwa eine Stunde vor uns losgefahren. Er möchte heute unbedingt das 70km entfernte Tumbaco erreichen. Der Weg dahin ist verwinkelt und das Terrain unklar, weshalb er früh aufbrach. Wir haben hingegen noch keinen festen Plan. Mal schauen. Um 9 Uhr gehts auch für uns los.

Und siehe da, nur 200 Meter nach unsrem Schlafplatz fahren wir aus dem dichten Nebel heraus und die Sonne scheint uns aufs Gesicht. Welch nette Überraschung! Das Wetter sieht aber unbeständig aus, also bleiben die Regensachen vorerst noch an.
Wir geniessen die Fahrt durch den Park. Die Landschaft ist rau und überall liegen grosse Gesteinsbrocken von früheren Ausbrüchen einer der Vulkane.

Der Cotopaxi war letztmals 2015 aktiv, ohne dabei grössere Schäden anzurichten. Die Brocken könnten aber genau so gut von einem anderen Vulkan sein. Das ganze Tal, wo wir jetzt hindurch fahren, ist gesäumt von Vulkanen. Sehen können wir, wegen des häufigen Nebels, die wenigsten. Das ist aber kein Grund sich zu beklagen. Auf unserer Reise haben wir etliche Fahrradfahrer getroffen, die mehrere Tage in diesem Gebiet verbracht haben, und nie einen Vulkan zu Gesicht gekriegt haben.
Kurz nachdem wir den Nationalpark verlassen, wird die Strasse richtig schlecht. Und als wir denken, es kann nicht mehr schlechter werden, wird daraus plötzlich eine üble Pflastersteinstrasse.

Es geht hinunter, fast 1000 Höhenmeter Abfahrt liegen vor uns, wir fahren aber im Schritttempo über die holprigen und glitschigen Pflastersteine ins Tal. Naja, besser bergab als bergauf.
Unterwegs passieren wir einige Campingplätze. Richtig einladend wirken sie nicht, also entschliessen auch wir uns bis Tumbaco durchzufahren. Um 5 Uhr treffen wir schliesslich, und ohne Anmeldung, im Casa Ciclista in Tumbaco ein. Sebastian ist mit seinem viel leichteren MountainBike schon seit 3 Stunden da und hat den Gastgeber über unser eventuelles erscheinen informiert.
Das Casa Ciclista von Tumbaco (Quito) geniesst ziemliche Berühmtheit. Zurecht! Mit uns sind 15 andere Veloreisende vor Ort. Spannende Geschichten und gute Gemeinschaft sind so vorprogrammiert. Neben einigen Argentiniern, hat es Reisende aus allen Herren Ländern. Einer der Reisenden, der fast mit uns eintrifft, ist schon seit 13 Jahren unterwegs. Wahnsinn!

(Fahrradtaschen made in Argentina)

Wir geniessen unsere Zeit hier ausserordentlich. Es ist schön auf so viele Gleichgesinnte zu treffen (lustige Anekdote: Um 21 Uhr gehen alle schlafen. Man ist halt im Fahrrad-Rhythmus).
Viele, wie wir auch, nutzen den Aufenthalt um eventuelle Schäden am Fahrrad zu reparieren, Wäsche zu waschen und sich ein wenig zu erholen. Die meisten, die herkommen, planen vielleicht zwei Nächte zu bleiben. Und bei fast allen wirds dann deutlich mehr. Bei den Argentiniern sowieso, die sind bereits seit Monaten hier. Typisch!
Auch wir haben einiges zu tun. Das Fahrrad von Urs macht schon seit Cuenca seltsame Geräusche. Beim Hinterrad scheinen die Speichen etwas lose zu sein. Wir setzen uns hin um die Speichen nachzuziehen und da machen wir eine unangenehme Entdeckung. Die Felge ist bei einigen Speichen aufgerissen. Oh weh!

Deshalb auch die fehlende Spannung. Rasch erfahren wir, dass dies durchaus eine Folge von Abnutzung sein kann. Normalerweise treten solche Schäden aber erst nach ein paar Reisejahren auf. Die zum Teil sehr harten Reiseabschnitte zollen ihren ersten Tribut. Ein neues Rad muss her!
Wir haben aber Glück im Unglück. Denn: 1. Der Eigentümer des Casa Ciclista ist Fahrradmechaniker und 2. gibt es in Quito viele Fahrradgeschäfte, die Qualitätsprodukte anbieten. Wir übergeben das Fahrrad dem Mechaniker und machen uns auf dem Weg nach Quito.
In Quito erwartet uns Indira. Indira hat zusammen mit Urs in Thailand eine International Week (Teil des Masterstudiums) besucht und empfängt uns bei sich zu Hause. Indira wohnt im Norden Quitos und hat uns eingeladen einige Tage mit ihr in Quito zu verbringen. Am ersten Abend gehts gleich in die Altstadt und Indira führt uns mit viel Ortswissen durch die schönen Gassen und vorbei an unzähligen grossen Kirchen.

Die Altstadt ist sehr schön, aber am Donnerstag Abend um 8 Uhr auch fast menschenleer. Das sei ganz normal, denn es könne auch etwas gefährlich sein. In anderen Stadtteilen sei es das selbe, es gäbe aber durchaus auch belebte Zonen. Auf uns wirkt es etwas seltsam, fast alleine durch diese schönen und gut beleuchteten Altstadtgassen zu schlendern. Immerhin ist es eines der touristischen Highlights der Stadt. Anschliessend gehts in ein gehobenes Restaurant mit ausserordentlicher Aussicht.

Am Freitag muss Indira arbeiten. Wir sind zur Mittagszeit erneut in der Altstadt und es präsentiert sich, wie von Indira angekündigt, ein komplett anderes Bild. Die Strassen sind rappel voll mit Passanten, Verkäufern und Touristen. Wir schlendern stundenlang durch die Stadt.

Besonders stechen uns die grossen und lebendigen Parks ins Auge. Hier scheint immer was los zu sein! Es gibt Live Musik, Leute spielen (teilweise im Business Anzug) Volleyball, ältere Herren wetten viel Geld auf den Ausgang der Spiele, es gibt eine Jass-Ecke und viele Essensständ. Die Pärke gefallen uns sehr. Sie sind sehr schön und sinnvoll angelegt. Jede Sportart findet seinen Platz. Aber auch wer einfach seine Ruhe haben will, findet dies an vielen Stellen.

Abends ist Indira im Englischunterricht und wir schauen uns im Kino El Rey León an. Obwohl es sich um einen Kinderfilm handelt, sind fast ausschliesslich Erwachsene Ü30 im Kino. Der guten Erinnerungen wegen. Auch für uns ist es schön den König der Löwen erneut zu sehen. Für Urs war es der erste Film, den er als Kind im Kino gesehen hat. Und für Fränzi ist es sehr viel mehr. Sie kennt jeden Textzeile des Filmes auswendig. Als Kind hörte sie zum Einschlafen immer wieder die Kassette, hat den Film einige Male gesehen, das Musical in London besucht. Und nun den neuen animierten Film auf Spanisch. Wir können den neuen Film besten Herzens empfehlen. Die Story blieb die selbe, die Emotionen auch. Fränzi hat bei einigen Szenen Tränen in den Augen.
Für Samstag und Sonntag hat Indira grosse Pläne! Wir besuchen eine Lagune, ihren Hausberg, gehen in ein sehr schönes Thermalbad und sie kocht für uns ein traditionelles ecuadorianisches Gericht. Köstlich! Wir geniessen die Zeit mit ihr sehr und lernen viel über Equador, Quito und das Leben hier. Die Ausflüge sind echte Highlights! Es ist erstaunlich, wie schnell man aus Quito raus und in wilder Natur ist. Durch die spezielle Topografie Equadors gibt es auch viele verschiedene Klimas. Manchmal wechseln die Zonen alle paar Kilometer. Und das Wetter spielt sowieso etwas verrückt. Jahreszeiten wie in Europa gibt es nicht, dafür kann man sie hier alle in nur einem Tag erleben.

Die Zeit vergeht viel zu schnell und schon wieder ist es Montag, wir sitzen in einem Café und schreiben Blog. Morgen geht es weiter, mit neuem Hinterrad, zum Mittelpunkt der Erde und dann weiter nach Kolumbien.

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