Das erste Mal

Tumbaco – Ipiales 242km

Das Rad ist, trotz Auftrag, noch nicht repariert. Santiago kann nur auf Vorschuss arbeiten, weil er die 35.- USD für die Felge gerade nicht zur Verfügung hat. Das ist OK, es wäre aber besser gewesen, wenn er uns das vor unserem Ausflug nach Quito mitgeteilt hätte. Ich gebe ihm die 35 USD und er fährt gleich los in die Stadt, um das Fahrrad heute noch fertig zu kriegen. Und wir bleiben noch einen Tag da. Ist aber nicht schlimm. Denn das Casa Ciclista lädt mit seinen Besuchern echt zum verweilen ein (von den 15 Besuchern sind nur noch 5 da und es sind keine neuen Reisende eingetroffen). Wir verbringen einen lazy-day, planen unsere Route für die kommenden Tage und Fränzi belädt ihre neuen, wasserdichten Ortlieb Taschen, die sie anderen Reisenden abgekauft hat. Ansonsten gibt es über diesen Tag nicht viel zu erzählen, ausser dass Tags zuvor Egan Bernal (Kolumbianer) die Tour de France gewonnen hat. Darauf sind auch die Equadorianer unheimlich stolz. Im Casa Ciclista wurden die letzten Etappen alle am Fernsehen mitverfolgt. Und in den nationalen Zeitungen liest man Schlagzeilen wie „Südamerika erobert Europa“ oder „Eine neue Ära im Radsport beginnt“. Das wird sich noch zeigen. Ein riesiger Erfolg ist es aber auf jeden Fall, denn noch niemals zuvor, in über 100 Jahren, konnte ein Südamerikaner die Tour de France gewinnen.

Nach mehr als einer Woche Pause, geht es am Dienstag endlich los. Wir fahren entlang viel befahrener Strassen aus der Agglomeration Quito heraus bis zum Mittelpunkt der Erde.

Davon gibt es in Equador gleich zwei, weil man sich beim ersten um einige Kilometer verrechnet hat. Wir fahren zum Echten. Uns erwartet ein kleiner abgeschirmter Park. Auf dessen Mittelpunkt steht eine Art Röhre, in die man stehen kann, damit man den Mittelpunkt sicher trifft und ihn nicht erst per GPS suchen muss. Die einzigen Besucher haben alle blonde Haare (Gringos), dicke Kameras und lassen sich von einem Guide interessantes(?) über die Örtlichkeit erzählen. Dafür Eintritt zu bezahlen sparen wir uns. Sind es auch nur zwei Dollar.
Dafür gehen wir gleich weiter zum Camping, welcher sich nur 500 Meter weiter befindet. Der Camping existiert bereits seit etwa zehn Jahren, befindet sich aber immer noch im Bau. Das liegt aber vor allem am Grössenwahn der Besitzerfamilie. Die sanitären Anlagen sind auch nach zehn Jahren noch nicht fertig, dafür haben sie zum Beispiel eigenhändig einen Tunnel in den nahen Felsen geschlagen. Nur mit Schaufel und Pickel. Das habe etwa zwei Jahre gedauert. Dazu gibt es einen Aussichtspunkt, einen eigens angelegten Wanderweg, eine kleine Schulungshalle, um den Besuchern lokale Mythen und Folklore beizubringen und eine Art Sternwarte.

Aber keine Dusche, unfertige Cabañas, keine Küche, keine fertige Toilette oder bloss einen Zaun. Interessante Prioritäten:-).
Die Besitzer sind super freundlich, laden uns gleich zum Frühstück ein und führen uns über ihr kleines geschaffenes Reich. Die interessanten Prioritätensetzung beim Bau wird mit Leichtigkeit durch die netten Besitzer und die vielen interessanten Details wettgemacht und wir fühlen uns sehr wohl hier.
Ah, nicht zu vergessen: der Zeltplatz wird von einem Vicuña (das mir sehr nach einem Alpaca aussieht!) und einem Schaf gemäht.

Und es gibt einen riesigen Avocadobaum! Wir versuchen eine weiche Aguacate, hier nennt man Avocados so, zu finden. Aber Fehlanzeige. Von den Gastgebern lernen wir später, dass alle Aguacates hart geerntet werden und erst durch eine etwa fünftägige Lagerung in Zeitungspapier weich werden.
Am nächsten Morgen essen wir alle zusammen Frühstück. Zum Abschied gibts fünf steinharte Aguacates zum reifen lassen mit auf den Weg. Fränzi kommt die Ehre zu Teil die fast drei Kilos die kommenden Tage mitzufahren.

Wie erwartet dauert das Frühstück sehr lange und wir fahren erst um 11 Uhr los. Kein Problem, denn für heute haben wir kurze 45km mit nur 500 Höhenmetern geplant. Nach so langer Zeit in den Anden erscheint uns dieser asphaltierte Aufstieg geradezu vernachlässigbar. Wir nehmen es gemütlich und bewältigen die Strecke mit Leichtigkeit.

Noch vor 16h00 erreichen wir den angepeilten Zeltplatz hoch über Ibarra. Mit uns trifft gleich ein weiterer Reisender aus Alaska ein. Er reist per Van, den er in Kolumbien geschenkt erhalten hat, und ist froh wieder mal auf andere Reisende zu treffen. Denn solange du dich in Südamerika ausserhalb der Touri Hotspots wie Cusco oder Uyuni aufhälst, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich gering auf andere Reisende zu stossen. Forrest klettert gerne, weshalb er eher in entlegenen Orten sein Auto parkiert.

Die Aussicht ist spektakulär, wir könnten gratis Fischen, erhalten ein super leckeres Frühstück geschenkt und trotzdem entscheiden wir uns am nächsten Morgen weiterzufahren. Wir wollen, nach so langer Pause in Quito, einfach wieder auf den Sattel.
Wir passieren Ibarra, die letzte grössere Stadt vor einem langen dreitägigen Aufstieg zur kolumbianischen Grenze. Bei der Hereinfahrt in die Stadt, ist Urs‘ (neues) Hinterrad plötzlich platt. Das ist erst der zweite Platten in über 10 Monaten und wir denken uns nicht viel dabei.

Auch als wir bei der Reparatur die Ursache nicht finden können. Fränzi tauscht zu übungszwecken den Schlauch und Urs geht in die Werkstatt nebenan, um ihn aufblasen zu lassen. Natürlich ist ein Gringo hier ein kleines Spektakel. Es wird viel gelacht, Bier angeboten und ruckzuck ist das Rad wieder Einsatzbereit (Der Kompressor wird mittels zwei Drähten an rumhängende Stromkabel an die Elektrizität angeschlossen. SUVA lässt grüssen). Während Urs in der Werkstatt ist, laufen draussen in einer Gemütlichkeit 3 Kühe durch die Stadt. Vom Besitzer keine Spur und auch sonst interessiert das niemanden. Ausser die Autofahren vielleicht. Was für ein bizarre Schauspiel.

In Ibarra kaufen wir ein, gönnen uns noch ein Kaffee am Stadtpark um uns für den langen, langen Aufstieg zu stärken, der uns nach 1000 Metern bergab erwartet.

Die Temperatur verändert sich mit jedem Meter Abfahrt. Unten in Tal angekommen ist es richtig heiss! Wir entledigen uns einiger Schichten und geniessen die hohen Temperaturen. Doch da passiert es schon wieder. Nächster Plattfuss. Wieder bei Urs und wieder das Hinterrad. Der komplett neue Pneu ist an einer anderen Stelle leicht aufgerissen. Die Ursache ist wieder nicht auszumachen.

Kurz bevor die Reparatur fertig ist, hält ein Pickup-Taxi und fragt ob er uns bis zur Grenze mitnehmen kann. Gratis? Gratis. Da lassen wir uns natürlich nicht zweimal bitten. Die Aussicht um den langen Aufstieg herumzukommen und dazu noch mit dem Rätsel der zwei Platten heute, ist zu verlockend. Für Urs jedenfalls. Fränzi hingegen packt wieder mal ein seltsamer Anflug von „ich-will-alles-fahren-Ehrgeiz“. Nach kurzem hin und her akzeptieren wir die Mitfahrgelegenheit. Schnell sind die Fahrräder auf dem Pickup und wir fahren los. Der Taxifahrer ist eher ein ruhiger Typ. Ein richtiges Gespräch will sich nicht so richtig entwickeln. Dafür hält er bei religiösen Stätten an um sich kurz zu bekreuzigen. Dann, 70km vor der Grenze, hält er unvermittelt bei einem Café mitten im Nirgendwo an, sagt er sei müde und wirft uns raus. Zuerst denken wir, dass er die Ladefläche zum Schlafen benötigt, stellen aber dann verwundert fest, dass er einfach seine Meinung geändert hat. Bizarr. Denn trotz eher ruhiger Fahrt gab es keine Anzeichen, dass er die Gesellschaft nicht geniessen würde? Ein Rätsel. Vermutlich hat er uns nur aus einem Anflug religiösem Pflichtgefühl mitgenommen, unterwegs dann aber gespürt, dass sein Soll für den heutigen Tag erfüllt ist? Wir wissen es nicht.
Zwei Ecuadorianer auf dem nächsten Parkfeld beobachten das Geschehen und wir können die Fahrräder kurzerhand bei ihnen aufladen. Sie fahren zwar nicht bis an die Grenze, dafür immerhin bis ins nächste Dorf, San Gabriel. Sehr freundlich!

Schnell ist eine anständige Unterkunft gefunden, alles verstaut, geduscht und das Dorf erkundet.

Wir möchten wieder mal Auswärts essen gehen. Beim erkunden haben wir ein tolles Kulturlokal mit gut bewerteter Küche entdeckt und per Zufall auch schon kurz mit dem Koch gesprochen. Zur vereinbarten Zeit erscheinen wir dann beim Restaurant. Und siehe da, alle Tische sind schon besetzt. Viele Kinder sind da, einige Eltern und Geschwister. Am Eingang erhalten wir einen Schlüsselanhänger geschenkt und werden von einem jungen Mann freundlich begrüsst. Das ganze sieht uns sehr nach einem privaten Event aus, also fragen wir ob dies eine geschlossene Gesellschaft sei? „Nein nein, ihr seid herzlich Willkommen!“. Doch schon kurz nachdem wir uns an einen Tisch zu einer Familie gesetzt haben, werden die Familien gebeten aufzustehen und in einer Schlange vor der Tür zu warten. Fast alleine im Raum fühlen wir uns nun noch mehr fehl am Platz. Nach wenigen Minuten betritt jede Person einzeln und mit einer ausführlichen Begrüssung durch den Gastgeber wieder den Raum. Dann beginnt, nochmals mit einer Begrüssungsrunde, der Event: „Liebe Eltern, Kinder, Verwandte, Mitarbeiter und Touristen“. Wie unangenehm! Es ist der Abschlussabend eines dreiwöchigen Familienbuilding-Workshops. Nach etwa 10 weiteren Minuten bietet sich die erste Gelegenheit und wir fliehen, so freundlich und unauffällig wie möglich, vom Event. Da gehören nun definitiv keine Touristen hin. Komisch dass sie uns nicht gleich am Eingang zurückgewiesen haben?

Bis zur Grenze sind es nun noch 50km und 800 Höhenmeter. Je näher wir dem Zoll kommen, desto mehr Venezolaner sehen wir. Ganze Familien laufen der Hauptstrasse entlang Richtung Süden. Dabei haben sie ihr ganzes Hab und Gut. Meist hat es in einem kleinen Rucksack Platz. Viele Familien reisen mit kleinen Kindern. Geld haben sie keines, sonst würden sie nicht laufen. Und geschlafen wird wohl meist unter freiem Himmel, viele tragen Decken mit sich. Obwohl wir uns nahe an der Grenze zu Kolumbien befinden, kann es hier richtig kalt werden. Am Tag wie in der Nacht. Echt eine traurige Szenerie.
Um die Mittagszeit erreichen wir den Zoll. Und das Bild verschlimmert sich. Hier warten hunderte Venezolaner auf die Einreise nach Equador. Für Sie gibt es eine eigene lange Schlange am Zoll, und für alle anderen Nationalitäten eine sondierte. Und obwohl wir die Express-Line benutzen können, dauert es ganze zwei Stunden um die Grenze in entgegengesetzter Richtung zu passieren. Kaum vorstellbar, wie viel Zeit hier andere verbringen um die Grenze zu passieren. Teils ohne Papiere. Und im Moment sei es sogar sehr ruhig!
Das UNHCR hat am Zoll Zelte aufgebaut, organisiert Essen, einen gedeckten Schlafplatz, Duschen und Toiletten. Dennoch wirkt das ganze sehr trostlos. Fränzi verteilt ein paar Familien die letzten Dollars die wir noch auf uns tragen. Wir wissen genau, dass dies bei weitem nicht ausreicht.

Bis nach Ipiales sind es danach nur wenige Kilometer. Wir fahren durch die ersten Quartiere der Stadt und da passiert es erneut. Urs hat wieder einen Platten. Wieder hinten, wieder ein neuer Pneu, wieder an einem anderen Ort und wieder ohne klare Ursache. Unsere Unterkunft ist nur 1.5 km entfernt, weshalb wir uns entschliessen den Pneu noch nicht zu flicken und das Fahrrad dahin zu hiefen. Fränzi fährt voraus, lädt Gepäck ab und hilft dann Urs mit seinem Gepäck. So kommen wir beide in knapp einer Stunde an.

Die Situation mit den Platten ist sehr unangenehm, denn in wenigen Tagen möchten wir eine anspruchsvollere Route, das Trampolín de la Muerte, fahren. Wenn da das Rad nicht hält, wird es sehr unangenehm.
Meine Vermutung ist, dass die Schläuche für die neuen grösseren Reifen zu klein sind und deshalb nach einigen Stunden Fahrt aufreissen. Komisch ist nur, dass die Schläuche erst seit dem Einsatz der neuen Felge kaputt gehen (das Felgenband ist ordnungsgemäss eingesetzt). Eine bessere Erklärung gibt es zur Zeit nicht und eine kurze Internetrecherche bestätigt, dass die Schläuche in der Tat für die Reifengrösse ungeeignet sind. Also ab in den nächsten Fahrradshop, grössere Schläuche rein und das beste hoffen.

Nahe Ipiales liegt eine der Berühmtesten Kirchen Kolumbiens. Das lassen wir uns nicht entgehen und fahren mit dem Bus dahin. Die Kirche befindet sich in einer Schlucht und ist geradezu spektakulär. Normalerweise sind uns Kirchen ziemlich egal, AFC halt, doch diese gefällt uns ausserordentlich.

Es ist Sonntag und viele Leute gehen zur Messe. Wir sind wieder mal die einzigen Gringos. Für viele Touristen liegt die Kirche zu weit weg von den übrigen Attraktionen Kolumbiens. Auf dem Weg hinunter zur Kirche werden wir von einer Familie angehalten und gefragt, ob wir mit ihrer Tochter ein Foto machen würden. Also nur wir zwei auf dem Bild mit ihrer Tochter. Hä? Aber OK.. Wr erkunden die Kirche und etwa 30 Minuten später werden wir erneut das selbe gefragt. Diesmal drücken sie Franziska kurzerhand ihr Baby in die Arme und „klick, klick“. Wir sind etwas perplex. Natürlich waren sie sehr freundlich. Aber weshalb? In anderen Kulturen ist es verboten andere Kinder zu berühren und hier werden sie einem in die Hände gedrückt. Wir nehmen uns vor rasch herauszufinden, was es damit auf sich hat.

Ipiales – Mocoa (Casa de Ciclista) 237 km

Als wir morgens aufwachen, zeigt sich der Himmel wolkenverhangenen und es rieselt leicht. Also verabschieden wir uns früh, mit Regenkleidung ausgestattet, von Luisa, unserer freundlichen Gastgeberin mit ihrer humorvollen Art und machen uns auf nach Pasto. Heute haben wir über 80km und etwa 1900 Höhenmeter vor uns. Mit Tempo fahren wir die letzten Kilometer raus aus der Stadt, dann verlieren wir viel an Höhe bis wir schliesslich im tiefsten Teil (etwa auf 1500 M. ü. M. ) unserer heutigen Tagesreise ankommen.

Das Klima hat sich wieder verändert. Es ist viel wärmer und trockener geworden. Die Strasse führt durch ein Tal umgeben von steilen Gebirgswänden und einer nicht enden wollenden Strassenbaustelle.

Immer wieder müssen wir warten, während die dick vermummten Personen, mit Sonnenbrille, Hut und einem Halstuch über Mund und Nase, am Strassenrand ihr Schild mit „PARE“ (Stop) in die Höhe halten. Mit uns zusammen geschätzt 15 Roller- und Töfffahrer.

Überhaupt scheint hier in Kolumbien die Fortbewegung auf zwei Rädern (mit Motor), die gängigste zu sein. Ab jetzt geht es für die nächsten Stunden nur noch bergauf. Als wir irgendwo bei einer Tienda kurz anhalten um etwas zu trinken zu kaufen, kommt ein etwas älterer Herr mit seinem Enkelkind auf dem Arm hinaus und möchte wieder ein Foto mit uns zusammen (aber ohne Fahrräder) machen. Schon sehr komisch für uns, aber irgendwie auch lustig.

Nach dem Bergpreis wartet eine steile Abfahrt bis in die Stadt Pasto hinein. Der Verkehr wird immer stärker und die Abgase immer schlimmer. Sowieso hatten wir die letzten Tage unserer Lunge nicht viel Gutes getan mit dem ständigen einatmen vom stinkenden Brennabfall der Fahrzeuge, welcher nicht selten schwarz aus dem Auspuff raucht. Wir fahren zuerst zum Stadtpark. Dies machen wir eigentlich immer so, egal ob Grossstadt oder kleines Dörfchen. Die Pärke sind immer sehr belebt, schön gestaltet mit viel Grün und künstlerischen Objekten. Ausserdem gibt es da sogar öfters Gratis Wifi ;-). Und es entstehen auch viele angenehme Begegnungen mit Einheimischen, welche wertvolle Tips und sogar auch schon Einladungen für eine Übernachtung zur Folge hatten. Also einen guten Ausgangspunkt für uns um den Weg wohin auch immer zu planen.

Heute wollen wir in ein weiteres Casa de Ciclista. Wir haben auf Facebook bereits Fotos gesehen und sind gespannt darauf. Sowieso scheint es in Südamerika, speziell in Kolumbien unzählige davon zu geben. Leider kann man diese Art von Unterkunft für Fahrradreisende in anderen Ländern nicht finden.

Als wir bei unserem Ziel ankommen werden wir nicht enttäuscht. Es hat eine grosse Grasfläche zum Campen, Hängematten, einen bedeckten Aussenbereich, eine kleine Küche, Bad mit heisser Dusche und sogar einen Innenbereich, wo wir uns auch aufhalten dürfen. Wir verbringen hier zwei Nächte um uns für die kommende Etappe zu erholen, Fränzis‘ Reifen zu wechseln (der alte ist durchgefahren und hat kaum noch Profil) und super leckere Sachen zu kochen!

Und natürlich erkunden wir auch Pasto ein wenig. Im Vergleich zu Equador, ist Kolumbien wieder viel belebter und bunter. Das gefällt uns.

Bei der Auffahrt auf die nächste Bergkuppe am kommenden Tag, bekommen wir Gesellschaft von einer Gruppe junger Leute, welche mit dem Fahrrad eine Tagestour zur nahegelegenen Lagune geplant haben. Wir quatschen (oder zumindest Urs, denn Franziska hat dafür absolut keinen Atem) und erfahren mehr über die kolumbianische Kultur, das Klima und dürfen zur Stärkung von der „Panela“ (gelierter Zucker aus einem bambooähnlichen Gewächs) probieren. Oben angekommen bläst ein heftiger, kalter Wind. Schnell verabschieden wir uns wieder (nachdem wir Nummern getauscht hatten, da einer von ihnen in Popayan wohnt, wo wir in etwa zwei Wochen sein werden, um uns dann zu verabreden) und fahren hinuter zur Lagune.

Nach dem Abstieg folgt sogleich wieder der Aufstieg. Das scheint hier weiter Dauerthema zu sein. Auf dem zweiten Gipfel gibt es plötzlich sehr viele, spezielle, hochwachsende Pflanzen und weiterhin viele Mountainbike- und Rennradfahrer unterwegs.

Dann verlassen wir die Hochebene wieder und dürfen eine schöne Abfahrt bis na Sibundoy geniessen. Eigentlich wollten wir hier wieder bei einem Casa de Ciclista übernachten. Als wir da anklopfen, ist aber Niemand da und nach einem schönen Platz zum campen sieht es auch nicht aus. Also verschieben wir doch in ein Hotelzimmer, wovon es eine grosse Auswahl gibt. Mal teurer, mal günstiger, mal schöner, mal weniger gemütlich. Wir werden fündig und dürfen sogar die Küche benützen für unser zNacht. Als wir dabei sind die Zwiebeln anzurösten für das Risotto, kommen immer mehr Familienangehörige (der Besitzerfamilie) hinzu und es wird ein sehr lustiger und angenehmer Abend. Einige von ihnen sind hin und weg vom Risotto und wollen das Rezept haben, andere machen sich lustig über den Namen Urs. Wir tauschen Instagram und Facebook aus und der plötzliche Stromausfall lässt die gute Stimmung nicht mindern. Sie wollen dass wir mindestens noch über das Wochenende bleiben um mit ihnen die Umgebung zu erkunden und fischen zu gehen.
Hier löst sich auch das Rätsel mit den Kinderfotos auf. Offenbar ist es so, dass hier so wenige Gringos herkommen, dass wir für sie wie Schauspieler aus Hollywood aussehen. Alles was es dazu braucht sind blonde Haare und blaue Augen. OK.. könnte schlimmer sein.
Ah, und zwei Sache mehr: die Avocados sind immer noch steinhart. Und Urs Reifen hält.

Da das Wetter nur noch für die nächsten zwei Tage einigermassen stabil und danach strömender Regen vorprogrammiert ist, verlassen wir Sibundoy trotz bester Gastfreundschaft und starten wieder früh am nächsten Morgen. Ein stärkendes Frühstück bestehend aus Reis, Kochbananen und Rührei, plus süsser, schwarzer Kaffee für insgesamt etwa 1.50 sfr. Scheint uns eine gute Mahlzeit vor dem bekannten „Trampolin de la muerte“ zu sein. Mal wieder so eine Todesstrasse… Von denen scheint es unzählige zu geben in Südamerika. Und jede will die gefährlichste sein. Diese hier jedoch unterscheidet sich von den anderen, die wir bereits kennengelernt hatten. Sie ist überhaupt nicht touristisch und schlicht die einzige Verbindung von der südwestlichen Stadt Pasto, über die Anden (Paramo) bis in den Dschungel nach Mocoa. Also müssen viele Einheimische, Taxi- und LKW-Fahrer die stundenlange Fahrt, wegen total schlechter Strasse und dem Risiko wegen den vielen Erdrutschen, Wasserfällen und teilweise reissenden Bächen welche die Strasse queren, auf sich nehmen. Was für uns nach Abenteuer und Abwechslung klingt, ist für sie eher ein grosses Mühsal, verbunden mit hohem Risiko. Tatsächlich sterben da ab und an wieder mal Leute beim überqueren eines Flusses, der Steine mit sich führen kann oder ein ganzer Bus fällt die steilen Felshänge hinunter. Die Regierung scheint dies nicht besonders zu stören. Auf jeden Fall machen wir uns frohen Mutes an den Aufstieg durch die feuchte Nebelwand, welche sich ab einer gewissen Höhe festgesetzt hatte und über die matschige Erdstrasse mit den vielen rutschigen Steinen dazwischen.

Es ist aber nicht so schlimm wie es tönt und schon bald haben wir die Bergkuppe erreicht und fahren hinunter ins dahinter liegende Tal. Es beginnt stärker zu Regnen. Die Nässe, und somit auch die Kälte dringt bis auf die Unterhose (äh…wir haben ja gar keine an). Unsere Finger sind taub und Urs‘ Füsse auch. Aber da wir ja bereits gehört hatten, dass es einige Bäche zu überqueren gibt, hält er eisern an seiner Sandalen-Strategie fest.

Als sich dann die Strasse im stetigen auf und ab an der linken Talseite entlang zieht und der Regen wieder etwas nachlässt, können wir die Umgebung das erste Mal richtig geniessen. Ein wilder, undurchdringlicher Dschungel wildert an beiden Seiten des Weges. Grosse, üppige und sattgrüne Pflanzen entfalten sich zwischen den hunderten von kleinen Bächen und Wasserfällen. Wir fahren an steilen und teilweise überhängenden Felswänden vorbei, durch kleine Bäche und über immer schlechter werdende Strasse mit losen, faustgrossen Steinen.

Dann erreichen wir den zweiten Hügel, auf dem ein einfaches Restaurant steht. Wir hatten gelesen, dass man hier campen kann. Leider Fehlanzeige. Also machen wir uns doch schon auf den Weg nach unten. Aber nach nur etwa drei Kilometer kommen wir zu einem Polizeicheckpoint. Kontrollieren tun sie uns nicht, bis jetzt gar nie. Aber wir fragen nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Wir dürfen bei ihnen im Gebäude unser Zelt aufstellen, Bad und kalte Dusche benutzen. Wir sind zufrieden mit den einfachen Bedingungen und froh, nicht mehr heute bis nach Mocoa (was auf ca. 600m. ü. M. liegt) fahren zu müssen.

Die jungen Männer, welche vom Militärdienst für neun Monate hierher beordert wurden, sind sehr freundlich und interessiert.

Schnell sind wir umringt und werden mit Fragen gelöchert und auch uns interessiert einiges. Wie ist die Polizeiarbeit zurzeit in Kolumbien? Gibt es hier bei diesem Checkpoint gefährliche Auseinandersetzungen? Gibt es noch viel Drogenschmuggel? Und die Guerillas? Wir erfahren, dass sich die Situation in Kolumbien in den letzten 10 Jahren enorm entspannt hat. Auch wenn die Narcos noch immer präsent sind und es Regionen gibt, wo man besser vorsichtig unterwegs ist, ist das heutige Kolumbien doch überhaupt nicht mehr damit zu vergleichen, wie es zu Pablo Escobars‘ Zeiten war. Der Staat erlebt heute sehr viel mehr Sicherheit und Stabilität. Dies wahrscheinlich nicht zuletzt wegen eben solchen Polizei Checkpoints. Denn noch vor wenigen Jahren war das Trampolin de la muerte bekannt für Drogenschmuggel und die Guerillas. Wir sind auf alle Fälle dankbar für ihre Anwesenheit und unsere erste Nacht bei der Polizei verläuft reibungslos.

Dann verabschieden wir uns wieder und fahren die rund 1700 Höhenmeter hinunter bis nach Mocoa. Unterwegs muss Franziska dann tatsächlich das erste Mal ihre Schuhe ausziehen um einen Fluss zu überqueren.

Momentan scheint eher weniger Regen gefallen zu sein, sonst wären die Flüsse viel reissender.

Drei Stunden später können wir dann endlich in einem Kaffee unsere Hände und Nacken von der Abfahrt etwas entspannen. Wir kaufen ein und fahren noch 20 km weiter bis zu einem weiteren Casa de Ciclista. Dieses hier ist von der Strasse her nicht zu sehen. Ein kleines Schild mit der Aufschrift „Samari Wasi“ und ein unscheinbarer Weg führt zu einem auf Stelzen gebauten Holzhäuschen mit einer Hängematte auf der Veranda. Ferney, der Besitzer dieses Grundstückes ist noch nicht da. Dafür aber sein Hund Jager, welcher auf der Veranda angebunden liegt und zu knurren beginnt, wenn wir einen Fuss auf die Treppe setzen welche zu ihm hinauf führt. Also halten wir besser Abstand und erkunden den Rest. Es gibt eine Toilette mit fliessend Wasser, eine Abwaschwasserstelle was zugleich auch die provisorische Dusche darstellt und ein grosser Raum mit einer Holzofenküche.

Alles ist sehr einfach, lässt aber das Potenzial dieses schönen Örtchens mitten im Dschungel erahnen und wir bekommen Lust, etwas bei der weiter Gestaltung des angehenden Hostels mitzuwirken. Zuerst gibts aber mal eine erfrischende Dusche. Das Klima hier ist sehr feucht und warm.

Später erscheint dann Ferney. Er ist 42 Jahre jung, ursprünglich aus Bogotá und jetzt schon seit einigen Jahren auf der Reise. Er war mit dem Fahrrad und seinem Hund Jager über drei Jahre in Kolumbien unterwegs. Jetzt fehlen ihnen nur noch fünf Kantone um das ganze Land zu komplettieren. Es ist ihm wichtig, zuerst das eigene Land zu kennen, bevor er über die Staatsgrenze radelt. So kam er irgendwie zu diesem Häuschen wo er mit Jager und seiner Katze „Michu“ lebt (die das Haus vor den Schlangen beschützt), und möchte daraus ein Hostal und ein Casa de Ciclista machen. Er erzählt uns von seinen Ideen und Plänen und steckt uns an mit seinem Tatendrang. Am Abend kochen wir das erste Mal richtige, kolumbianische Arepas (das dauert etwa zwei Stunden, diese im kleinen Pfännchen zu backen).

Und schon folgt eine weitere Premiere. Wir schlafen beide unser erstes Mal in einer Hängematte!

Wir sind unsicher, ob wir dann auch wirklich schlafen können, sind aber freudig gespannt.

Am Morgen danach erwacht Fränzi um etwa 8.30 Uhr, und Urs um 9.30 Uhr. Das ist total unüblich, vor allem für Urs. Er hatte sich eine Erkältung eingeholt und fühlt sich nicht wirklich auf der Höhe. Geschlafen haben wir beide aber wie Hergöttchen in den Hamacas 😃. Wir bleiben noch zwei weitere Tage. Es gefällt uns hier. Die Abgeschiedenheit, Einfachheit und die natelfreie Zeit (Wifi und Empfang gibts hier nicht). Fränzi lernt Armbänder zu knüpfen und stellt ihr erstes eigenes Schmuckstück her.

Ausserdem backen wir unsere erstes Brot über dem Feuer! Dazu nehmen wir eine grosse Pfanne, legen drei kleinere Steine hinein, setzen eine weitere, kleinere Pfanne mit dem Brotteig drin hinein, einen Deckel drauf und lassen dies für etwa zwei Stunden über dem Feuer backen.

Unerwartet lässt sich das Ergebnis sehen und es schmeckt auch total gut. Das Brot, dass man hier in den Tiendas und Panaderias finden kann ist schon ok aber immer süss und immer gleich. Also eines das sehr schnell verleidet. Umso besser haben wir nun eine Variante gefunden, womit wir sogar ohne Backofen und unterwegs Brot backen können. Ferney kocht ausserdem für uns kleine, kartoffelähnliche, rosafarbene Knollen mit Reis und dazu gibts (den ganzen Tag) „Agua Panela“. Ebenfalls zwei erste Male.

So vergeht die Zeit in Windeseile und gleichzeitig in angenehmen Schneckentempo gefüllt mit wundervollem Nichtstun und den Moment geniessen. Es regnet immer wieder heftig und lässt die Pflanzen rundherum grün leuchten.

Bis es dann wieder an der Zeit ist unsere Sachen zu packen für die weiterreise am kommenden Tag.


PS: die ersten Avocados werden weich. 😊

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